Maik W. Kaiser

Philosophie • Jura • Theologie

Bildung als Pose – Adorno und das ästhetisierte Lernen auf social media zwecks Selbstvermarktung

Eine kulturkritische Untersuchung der Inszenierung von Bildungsprozessen in sozialen Medien im Anschluss an Theodor W. Adornos Theorie der Halbbildung


Einleitung: Die Bibliothek als Bühne

Es gibt eine Szene, die sich täglich millionenfach wiederholt, und die man dennoch kaum je in ihrer ganzen Seltsamkeit zur Kenntnis nimmt: Ein junger Mensch betritt eine Bibliothek, einen Lesesaal oder auch nur das eigene Zimmer, breitet Bücher, Laptop und farblich abgestimmte Stifte vor sich aus, richtet eine Kamera ein – und beginnt zu lernen. Oder genauer: beginnt, sich beim Lernen zu filmen. Das Ergebnis wird anschließend verdichtet, ästhetisiert und unter Hashtags wie #StudyWithMe, #StudyTok oder #AcademicWeapon einem Publikum zugänglich gemacht, das seinerseits nicht primär an den gelernten Inhalten interessiert ist, sondern an der Darstellung des Lernens selbst.

Auf den ersten Blick erscheint dies als ein harmloses, womöglich sogar sympathisches Phänomen: Menschen dokumentieren ihren Alltag, motivieren sich gegenseitig, schaffen eine virtuelle Lerngemeinschaft. Es wäre verfehlt und auch nicht der Anspruch dieses Beitrags, derartiges Verhalten pauschal zu verurteilen – selbstverständlich steht es jeder Person frei, ihre Bildungsprozesse zu dokumentieren, und ebenso selbstverständlich lässt sich daraus nicht automatisch auf die Tiefe oder Oberflächlichkeit des individuellen Lernens schließen. Und doch drängt sich bei genauerem Hinsehen eine Frage auf, die weit über den einzelnen TikTok-Clip hinausweist: Was geschieht mit dem Begriff der Bildung, wenn der Prozess des Lernens zur ästhetischen Inszenierung wird? Wenn nicht das Durchdringen eines Gegenstandes, sondern die Performance des Durchdringens im Vordergrund steht?

Diese Frage ist keine, die erst mit dem Smartphone aufgekommen wäre. Sie hat eine philosophische Tiefendimension, die sich mit besonderer Schärfe in Theodor W. Adornos 1959 veröffentlichtem Aufsatz Theorie der Halbbildung artikuliert. Adornos Analyse der Halbbildung – jener Verfallsform von Bildung, die sich nicht als Vorstufe, sondern als Feind der Bildung erweist – liest sich in der Konfrontation mit den Phänomenen des digitalen Zeitalters mit einer beinahe prophetischen Aktualität.

Der vorliegende Beitrag unternimmt den Versuch, die Inszenierung von Bildungsprozessen in sozialen Medien philosophisch einzuordnen, ohne dabei in billige Kulturkritik zu verfallen. Er argumentiert, dass das Phänomen auf eine tieferliegende Verschiebung im gesellschaftlichen Verständnis von Bildung hindeutet: eine Verschiebung, in der Bildung zunehmend als optimierbares Accessoire eines marktförmigen Selbstentwurfs fungiert – sporty, smart und erfolgreich – statt als jener offene, riskante und wesentlich unabschließbare Prozess der Selbstformung, den das neuhumanistische Bildungsideal noch kannte.

I. Bildung und ihr Schatten: Adornos Theorie der Halbbildung

Um das zeitgenössische Phänomen der inszenierten Bildung angemessen in den Blick zu nehmen, bedarf es zunächst einer Vergegenwärtigung dessen, was Adorno unter Halbbildung versteht – und was er eben nicht darunter versteht.

Adornos Theorie der Halbbildung, zuerst als Vortrag auf dem Frankfurter Soziologentag 1959 gehalten und später in den Gesammelten Schriften (Band 8, Soziologische Schriften I, S. 93-121) publiziert, ist kein bildungsbürgerliches Lamento über den Verfall der Allgemeinbildung, auch wenn sie bisweilen so rezipiert wurde. Sie ist vielmehr eine gesellschaftstheoretische Analyse, die nach den strukturellen Bedingungen fragt, unter denen Bildung in ihr Gegenteil umschlägt. Die Pointe ist dabei, dass Halbbildung für Adorno nicht ein quantitatives Weniger an Bildung darstellt, sondern eine qualitative Verkehrung: eine Form der Aneignung von Kultur, die das kritische und emanzipatorische Moment von Bildung systematisch abtrennt und nur das Verwertbare, das Vorzeigbare, den Bildungsbesitz übrig lässt.

Der Halbgebildete, wie Adorno ihn beschreibt, zeichnet sich gerade nicht durch Unwissenheit aus. Im Gegenteil: Er verfügt über Informationen, über kulturelle Versatzstücke, über ein Arsenal an zitierfähigem Wissen. Was ihm fehlt, ist die Erfahrung – jene Kontinuität des Bewusstseins, in der Bildungsinhalte nicht bloß aufgenommen, sondern durchdrungen, reflektiert und in ein lebendiges Verhältnis zum eigenen Denken gebracht werden. Adorno formuliert dies mit einer Wendung, die für die hier angestellten Überlegungen zentral ist: Der Halbgebildete betreibe, so Adorno, „Selbsterhaltung ohne Selbst“ (Adorno 1972, S. 103). Er eignet sich Bildungsgüter an, aber nicht, um sich an ihnen zu verändern, sondern um seinen gesellschaftlichen Status abzusichern.

Bemerkenswert ist ferner, dass Adorno den völlig Ungebildeten dem Halbgebildeten in gewisser Hinsicht überordnet. Denn die Unbildung als bloße Naivität gestatte ein unmittelbares Verhältnis zu den Objekten und könne kraft ihres Potentials an Skepsis, Witz und Ironie zum kritischen Bewusstsein gesteigert werden. Der Halbbildung gelinge dies nicht, weil ihr verdinglichtes Verständnis von Wissen als bloßer Faktizität den Zugang zur echten geistigen Auseinandersetzung verbaue (vgl. Adorno 1972, S. 104 f.). Halbbildung ist, so verstanden, keine Durchgangsstation, sondern eine Sackgasse. Oder, in einer der eindrücklichsten Formulierungen des Aufsatzes: „Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind“ (Adorno 1972, S. 103).

Was Adorno hier frei legt, ist eine Dialektik der Bildung, die tief in die Strukturen der modernen Gesellschaft eingeschrieben ist. Bildung, die einst als Emanzipationsprojekt konzipiert war – als Weg des Menschen zur Mündigkeit und Selbstbestimmung, wie ihn Wilhelm von Humboldt in seiner Theorie der Bildung des Menschen (1793) entworfen hatte -, wird unter den Bedingungen des Kapitalismus zu einer Ware und damit zu einem Instrument der Anpassung. Die Dialektik besteht darin, dass die gesellschaftliche Verallgemeinerung der Bildung, die dem Anspruch nach Demokratisierung bedeuten sollte, faktisch zu einer Entleerung ihres Gehalts führt. Bildung wird zum Tauschwert, ihr Gebrauchswert – die Transformation des Subjekts – verkümmert.

II. Die Ästhetisierung des Lernens: StudyTok als kulturelles Phänomen

Vor dem Hintergrund dieser philosophischen Koordinaten lässt sich das Phänomen der inszenierten Bildung in sozialen Medien mit größerer Tiefenschärfe betrachten.

Was unter dem Sammelbegriff „StudyTok“ firmiert, umfasst ein weites Spektrum an Formaten: zeitgeraffte Aufnahmen von Lernenden an aufgeräumten Schreibtischen (Study with Me), ästhetisch aufbereitete Mitschriften mit farblich koordinierten Markierungen, Morgenroutinen vor dem Lernen, die Fitness, Ernährung und Disziplin zu einem Gesamtpaket der Selbstoptimierung schnüren. Die Hashtags #StudyTok und #StudyWithMe verzeichnen zusammengenommen mehrere Dutzend Milliarden Aufrufe. Es handelt sich, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, um ein Massenphänomen.

Nun wäre es unredlich, dieses Phänomen über einen Kamm zu scheren. Zweifellos gibt es Personen, die derartige Formate als genuine Motivationshilfe nutzen, die sich durch das Gefühl einer virtuellen Lerngemeinschaft tatsächlich zum konzentrierten Arbeiten angeregt fühlen, die ihre Dokumentation als Form der Selbstreflexion begreifen. All das ist legitim und verdient Respekt.

Gleichwohl fällt eine strukturelle Eigentümlichkeit auf, die sich nicht auf die individuelle Motivation der Einzelnen reduzieren lässt, sondern auf die Form des Mediums selbst verweist: Die ästhetische Inszenierung des Lernens folgt einer eigenen Logik, die sich vom Lernen selbst weitgehend emanzipiert hat. Der Inhalt des Gelernten – welche mathematischen Probleme gelöst, welche philosophischen Texte durchdrungen, welche historischen Zusammenhänge verstanden wurden – spielt in den allermeisten Fällen eine untergeordnete bis keine Rolle. Was zählt, ist die Oberfläche: der geordnete Schreibtisch, die richtige Lichtstimmung, die Sorgfalt der Handschrift, die Disziplin des frühen Aufstehens, die Verbindung von Lernen mit Sport und gesunder Ernährung zu einem ganzheitlichen Lebensstilkonzept.

Man könnte hier mit dem Soziologen Erving Goffman von einer Verschiebung von der Hinterbühne auf die Vorderbühne sprechen (vgl. Goffman 1959/2003): Das Lernen, das seinem Wesen nach ein intimer, oft mühsamer, von Irrtümern und Verwirrungen durchsetzter Prozess ist – ein Prozess, der die Ungestörtheit der Hinterbühne braucht -, wird auf die Vorderbühne der sozialen Medien gezerrt und dabei notwendigerweise in eine darstellbare, konsumierbare Form gebracht. Die Kamera verlangt ein Produkt, während Bildung gerade kein Produkt ist, sondern ein Prozess, der sich gegen seine Verdinglichung sperrt.

Darin liegt eine Paradoxie, die Adorno möglicherweise als eine zeitgemäße Variante der Halbbildung identifiziert hätte: Die Zuschauerinnen und Zuschauer (und oft genug auch die Produzentinnen und Produzenten) konsumieren nicht Bildung, sondern das Bild von Bildung – eine Oberfläche, die den Anschein des Gebildetseins transportiert, ohne den Gehalt zu vermitteln. Der Bildungsprozess wird zur ästhetischen Geste, zum Accessoire einer Identitätskonstruktion, die weniger auf Erkenntnis als auf Anerkennung zielt.

Freilich ließe sich einwenden, dass nicht jedes Study-with-me-Video der beschriebenen Ästhetisierungslogik folgt. Es gibt durchaus Aufnahmen, in denen der Schreibtisch unaufgeräumt ist, das Licht ungünstig fällt, die filmende Person gähnt, die Seite mehrfach zurückblättert oder sichtbar an einem Problem hängenbleibt – kurz: Videos, die Lernen zeigen, ohne es zu idealisieren. Solche Formate existieren, und es wäre unfair, sie zu ignorieren. Doch sie bestätigen die Regel auf doppelte Weise. Zum einen erzielen sie strukturell weniger Reichweite: Der Algorithmus belohnt Verweildauer und positive Interaktion, und ein ästhetisch befriedigender Lernraum hält die Aufmerksamkeit länger als ein zerwühltes Bett und eine quälend lange Pause vor einem Lehrbuch. Zum anderen droht selbst die Geste der Uninszenierung, sobald sie sich als erkennbares Format etabliert und eine eigene Fangemeinde aufbaut, in die Logik der Selbstvermarktung zurückzufallen: Das Authentische wird zur Marke, die Anti-Ästhetik zur Ästhetik. „Ich zeige, wie es wirklich ist“ ist bereits eine Positionierung im Aufmerksamkeitsmarkt. Die Frage ist deshalb nicht, ob Widerstand im Einzelfall möglich ist, sondern welche strukturellen Kräfte darüber entscheiden, ob er sich als Ausnahme behauptet oder von der dominanten Logik absorbiert wird.

III. Selbstoptimierung als Halbbildung 2.0

Die Inszenierung des Lernens in sozialen Medien steht nicht für sich allein. Sie ist eingebettet in ein umfassenderes kulturelles Muster, das Byung-Chul Han in seiner Müdigkeitsgesellschaft (2010) und vor allem in Psychopolitik (2014) als Signatur des neoliberalen Subjekts beschrieben hat: die permanente Selbstoptimierung.

Han greift dabei eine Figur auf, die Michel Foucault in seinen Vorlesungen zur Geburt der Biopolitik (1978/79) als Kennzeichen neoliberaler Gouvernementalität beschrieben und die Ulrich Bröckling in Das unternehmerische Selbst (2007) soziologisch entfaltet hat: das Individuum als „Unternehmer seiner selbst“, das seine gesamte Existenz nach dem Modell ökonomischer Rationalität organisiert. Die Disziplinargesellschaft, die Foucault in seinen früheren Arbeiten analysiert hatte – eine Gesellschaft, die den Einzelnen durch Verbote, Gebote und Institutionen formte -, sei, so Han, einer Leistungsgesellschaft gewichen, die auf Selbstausbeutung beruhe. Das Subjekt unterwerfe sich nicht mehr einem äußeren Zwang, sondern internalisiere die Leistungsimperative und verwandele sie in einen Antrieb zur unaufhörlichen Optimierung des eigenen Lebens. Die Freiheit, die es dabei zu erfahren glaube, sei in Wahrheit eine neue Form der Unfreiheit: eine Freiheit, die in Zwang umschlage, weil das Scheitern nicht mehr den Verhältnissen, sondern dem Individuum selbst zugerechnet werde.

Was Han für das Arbeits- und Konsumsubjekt beschreibt, lässt sich auf den Bereich der Bildung übertragen – und verbindet sich dort mit Adornos Analyse der Halbbildung auf eine aufschlussreiche Weise. Denn der Imperativ der Selbstoptimierung transformiert Bildung in eine Investition in das eigene Humankapital: einen messbaren, darstellbaren, optimierbaren Bestandteil des persönlichen Portfolios. In der Sprache der sozialen Medien: Man lernt nicht, um etwas zu verstehen, sondern um ein Academic Weapon zu sein – eine Bezeichnung, die in der StudyTok-Kultur populär ist und deren metaphorische Implikationen aufschlussreich sind. Eine Waffe dient nicht der Selbstentfaltung, sondern der Durchsetzung gegen andere: Sie bedroht, sie schaltet aus, sie verschafft dem, der sie führt, eine Position der Überlegenheit. Bildung wird in dieser Metapher zu einem Instrument der Konkurrenz, das seinen Wert nicht aus der Erkenntnis bezieht, sondern aus dem Vorsprung, den es gegenüber Mitbewerberinnen und Mitbewerbern sichert. Es geht nicht darum, etwas verstanden zu haben, sondern darum, besser zu sein als der Rest – und dies auch sichtbar zu machen. Die Waffe ist, so verstanden, das perfekte Sinnbild einer Bildungsauffassung, die vollständig in der kapitalistischen Verwertungslogik aufgegangen ist: Wissen als Mittel der Verdrängung, nicht der Verständigung. Und wie bei jeder Waffe gilt auch hier: Es reicht in der Regel, sie zu zeigen. Man muss sie nicht einsetzen, um ihre Wirkung zu entfalten – die Demonstration genügt. Genau das leistet die Inszenierung des Lernens in sozialen Medien: Sie zeigt die Waffe vor, ohne dass je nachgewiesen werden müsste, ob sie geladen ist. Das Bild des Lernens ersetzt den Nachweis des Gelernten.

Bildung wird so zu einem Element im Triptychon der Selbstvermarktung – sporty, smart und erfolgreich -, in dem körperliche Fitness, intellektuelle Leistungsfähigkeit und beruflicher Erfolg als gleichrangige Dimensionen eines optimierten Selbst erscheinen. Die Morgenroutine, die viele StudyTok-Videos rahmt, ist symptomatisch für diese Verschmelzung: Aufstehen um fünf Uhr, Joggen, gesundes Frühstück, dann Lernen in ästhetisch einwandfreier Umgebung — alles dokumentiert, alles inszeniert, alles darauf angelegt, ein Gesamtbild ungebrochener Leistungsfähigkeit und Disziplin zu erzeugen.

Adorno hätte in dieser Totalisierung der Verwertungslogik möglicherweise die ultimative Vollendung der Halbbildung erkannt: eine Form der Bildungsaneignung, die nicht einmal mehr den Inhalt der Bildung zum Gegenstand hat, sondern nur noch deren Zeichen. Die sorgfältig ausgeleuchtete Mitschrift, die farblich abgestimmten Textmarker, die ordentlich gestapelten Lehrbücher – all das sind Requisiten in einer Inszenierung, deren Publikum die verdinglichte Oberfläche der Bildung für die Bildung selbst nimmt. Es ist, um Adornos Terminologie aufzugreifen, Bildung, die auf den Konformismus vereidigt ist: Sie fügt sich bruchlos in die Logik der Selbstvermarktung ein und hat ihr kritisches, widerständiges, irritierendes Potential vollständig eingebüßt.

IV. Die Kulturindustrie als Infrastruktur der Pose

Adornos Analyse der Halbbildung lässt sich nicht von seinem Konzept der Kulturindustrie trennen, das er zusammen mit Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung (1944/1947) entwickelt hat. Für Adorno und Horkheimer besteht das Wesen der Kulturindustrie darin, dass Kultur nach dem Modell industrieller Massenproduktion hergestellt und konsumiert wird: standardisiert, vorhersehbar, auf Effekt kalkuliert und letztlich darauf gerichtet, die bestehenden Verhältnisse zu stabilisieren. Was Adorno den „Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis“ nennt (Horkheimer/Adorno 1947/2022, S. 129), beschreibt einen Mechanismus, in dem die Kulturindustrie Bedürfnisse zugleich erzeugt und befriedigt – und zwar stets so, dass die Befriedigung das Bedürfnis reproduziert.

Die sozialen Medien haben diesen Zirkel nicht erfunden, aber sie haben ihn radikalisiert. Die algorithmische Kuratierung von Inhalten, die auf der Auswertung von Likes, Verweildauer und Engagement basiert, führt dazu, dass Nutzende genau das bevorzugen, was ihnen zuvor als wünschenswert suggeriert wurde. Im Falle von StudyTok bedeutet dies: Wer sich für das Thema Lernen und Selbstoptimierung interessiert, bekommt ästhetisierte „Lernvideos“ angeboten; wer diese konsumiert und mit Likes versieht, bekommt mehr davon; wer selbst solche Videos produziert, wird durch Reichweite belohnt. Es entsteht ein selbstverstärkendes System, in dem die Form der Darstellung wichtiger wird als der Inhalt des Dargestellten — und in dem die Konsumierenden zugleich Produzierende sind, ohne dass diese Doppelrolle aus dem Zirkel herausführte.

Hier zeigt sich eine entscheidende Differenz zu Adornos historischer Situation und zugleich eine beunruhigende Kontinuität. Die Differenz besteht darin, dass die sozialen Medien die klare Grenze zwischen Produzenten und Konsumenten aufgelöst haben: Der oder die Einzelne ist nicht mehr passive Empfängerin oder Empfänger kulturindustrieller Ware, sondern aktive Teilnehmerin und Teilnehmer an der Produktion von Inhalten. Die Kontinuität – und hier wäre Adorno möglicherweise eher bestätigt als widerlegt – besteht darin, dass diese scheinbare Emanzipation des Konsumenten die Logik der Kulturindustrie nicht außer Kraft setzt, sondern vertieft. Der „user-generated content“, auf den so viele Hoffnungen der frühen Internetkultur gerichtet waren, reproduziert in weiten Teilen dieselbe Standardisierung, dieselbe Effektorientierung, denselben Konformismus, den Adorno der klassischen Kulturindustrie attestiert hatte – nur dass der Einzelne nun nicht mehr nur Objekt, sondern zugleich Subjekt und Instrument der eigenen Manipulation ist.

Damit ist eine methodische Spannung berührt, die im vorliegenden Essay nicht vollständig aufgelöst werden kann, aber benannt werden sollte: die Spannung zwischen struktureller Kritik und normativer Haltung gegenüber individuellen Akteurinnen und Akteuren. Wer – wie Adorno – die Halbbildung primär als gesellschaftliches Phänomen begreift, das durch die Strukturen der Kulturindustrie und des Kapitalismus erzwungen wird, kann daraus kaum individuelle Schuld ableiten. Gleichwohl enthält jede Kulturkritik implizit einen normativen Horizont, der sich auf das Handeln von Individuen bezieht. Für die vorliegende Analyse bedeutet dies: Die Produzentinnen und Produzenten von StudyTok-Inhalten sind nicht Urheber des Problems, sondern seine besonders sichtbaren Symptome. Zu kritisieren ist nicht die Person, die ihre Lernroutine filmt, sondern die gesellschaftliche Konfiguration, in der eine solche Praxis zur dominanten Form von Bildungsdarstellung werden konnte. Dieser Widerspruch ist kein Fehler der dialektischen Methode, sondern ihre eigentliche Stärke: Sie hält die Spannung zwischen Struktur und Handlung offen, ohne sie vorschnell in eine Richtung aufzulösen.

V. Die Pose als Verdinglichung der Erfahrung

An diesem Punkt lässt sich der im Titel dieses Beitrags enthaltene Begriff der Pose präzisieren. Pose meint hier nicht einfach eine Körperhaltung oder ein oberflächliches Getue – das wäre zu einfach und auch moralisch zu wohlfeile Kritik. Pose meint vielmehr ein strukturelles Merkmal der Bildungsinszenierung in sozialen Medien: die Stillstellung und Verdinglichung eines Prozesses zum Bild. Die Pose fixiert das, was in Bewegung sein müsste; sie macht aus einem Vorgang der Veränderung ein Ergebnis; sie verwandelt die offene, unabgesicherte Erfahrung des Lernens in eine konsumierbare Oberfläche.

Die Pose hat, so verstanden, etwas Wesentliches mit dem zu tun, was Adorno als den Verlust der Erfahrung beschreibt – jener „Kontinuität des Bewußtseins, in der das Nichtgegenwärtige dauert“ (Adorno 1972, S. 103). Erfahrung im emphatischen Sinne ist das Gegenteil einer punktuellen Informationsaufnahme: Sie ist ein Prozess der Integration, in dem neue Erkenntnisse das Bisherige verändern und vom Bisherigen verändert werden. Sie braucht Zeit, Muße, Irrtum, Wiederholung – und vor allem: die Abwesenheit eines Publikums. Denn wer sich beim Lernen beobachtet weiß – und sei es durch eine selbst aufgestellte Kamera -, lernt nicht mehr für sich, sondern für den Blick des Anderen. Der Bildungsprozess wird durch die Anwesenheit des (virtuellen) Beobachters verformt, weil er sich fortan an den Kriterien der Darstellbarkeit orientieren muss statt an den Erfordernissen des Gegenstandes.

Damit soll nicht behauptet werden, dass jeder, der sich beim Lernen filmt, nichts lernt. Das wäre empirisch nicht haltbar und auch theoretisch zu grob. Wohl aber lässt sich argumentieren, dass die systematische Inszenierung des Lernens als Trend und als kulturelle Praxis eine Tendenz verstärkt, die Adorno als konstitutiv für die Halbbildung beschrieben hat: die Tendenz, Bildung auf ihren Anschein zu reduzieren und den mühsamen, widerständigen, oft frustrierenden Prozess der tatsächlichen geistigen Durchdringung durch sein ästhetisiertes Abbild zu ersetzen.

VI. Bildung als Widerstand: Perspektiven jenseits der Pose

Es wäre nicht im Sinne Adornos – und auch nicht im Sinne einer redlichen philosophischen Analyse -, die Dinge bei einer reinen Negativdiagnose zu belassen. Zwar ist Adornos Theorie der Halbbildung in der erziehungswissenschaftlichen Rezeption vielfach für ihr Fehlen praktisch umsetzbarer Lösungsansätze kritisiert worden – der Text versteht sich als radikale kritische Analyse, nicht als pädagogisches Reformprogramm. Doch Adorno besteht darauf, „an Bildung festzuhalten, nachdem die Gesellschaft ihr die Basis entzog“ (Adorno 1972, S. 101) – eine Formulierung, die zugleich aporetisch und emphatisch ist.

Bevor jedoch Perspektiven jenseits der Pose entwickelt werden können, ist ein kritischer Einwand gegenüber dem eigenen theoretischen Rahmen angebracht. Adornos Begriff von „wahrer Bildung“ ist normativ nicht unproblematisch, und es wäre unredlich, ihn als unhinterfragtes Fundament zu verwenden. Was Adorno als Maßstab anlegt – das intensive, von Erfahrung durchdrungene Studium klassischer Texte, die Auseinandersetzung mit dem philosophischen und ästhetischen Kanon des europäischen Bürgertums – ist selbst ein historisch und sozial situiertes Ideal, das dem bildungsbürgerlichen Milieu des 19. Jahrhunderts entstammt. Die Frage, wessen Bildungsideal hier zum universalen Maßstab erhoben wird, stellt sich mit einiger Dringlichkeit: Das neuhumanistische Bildungsideal Humboldtscher Prägung, auf das Adorno implizit zurückgreift, war in seiner historischen Ausprägung ein Privileg des männlichen, bürgerlichen, europäischen Bildungssubjekts. Es schloss Frauen, Arbeiterschichten und nicht-europäische Wissenskulturen systematisch aus – und es tat dies nicht trotz, sondern vermittels seiner universalistischen Rhetorik. Eine unkritische Übernahme dieses Ideals riskiert daher, gesellschaftliche Exklusionen zu reproduzieren, die man gerade durch Bildung überwinden will. Dies schmälert die analytische Schärfe von Adornos Halbbildungsdiagnose nicht – das Seziermesser bleibt scharf, auch wenn die Hand, die es führt, nicht unbefleckt ist. Aber es gebietet, den normativen Horizont seiner Theorie zu befragen und nicht als selbstverständlich vorauszusetzen. Widerstand gegen Halbbildung muss, wenn er glaubwürdig sein will, auch die Frage stellen: Wessen Bildung soll gerettet werden – und für wen?

Was könnte ein solches Festhalten an Bildung unter den Bedingungen der sozialen Medien bedeuten? Drei Überlegungen seien angedeutet:

Erstens ließe sich für die Rehabilitierung der Langeweile als Bildungskategorie plädieren. Adornos Insistieren auf Erfahrung – auf jener Kontinuität des Bewusstseins, die sich nicht beschleunigen und nicht optimieren lässt – weist in diese Richtung, ohne sie explizit auszuformulieren. Es ist Byung-Chul Han, der den Gedanken in seiner Vita contemplativa (2022) konsequent entfaltet. Der Titel ist programmatisch: Er antwortet auf Hannah Arendts Vita activa (1958), die das tätige Leben – Arbeit, Herstellen, Handeln – zur Kernkategorie des Politischen erhoben hatte. Han wirft Arendt vor, mit dieser Privilegierung der Aktivität das kontemplative Leben entwertet und damit unbeabsichtigt der Logik der Leistungsgesellschaft zugearbeitet zu haben. Gegen Arendt fordert er eine Rückkehr zur Kontemplation, zur Muße, zur Untätigkeit als Gegenmodell zur rastlosen Aktivität der Leistungsgesellschaft. Bildung braucht, so ließe sich im Anschluss an beide argumentieren, Zeiten der Unproduktivität, der scheinbaren Stagnation, der Ratlosigkeit – Zustände, die sich nicht ästhetisieren lassen und die für eine Kamera uninteressant sind. Gerade darin liegt ihr Wert: Sie entziehen sich der Vermarktungslogik, weil sie kein vorzeigbares Ergebnis produzieren.

Zweitens wäre die Fähigkeit zur Negativität zu stärken – zum Widerspruch, zur Irritation, zur Konfrontation mit dem Unvertrauten. Bildung im Sinne Adornos und des neuhumanistischen Ideals ist wesentlich die Bereitschaft, sich von einem Gegenstand in Frage stellen zu lassen, anstatt ihn souverän zu konsumieren. Das steht in einem fundamentalen Spannungsverhältnis zur Ästhetik der sozialen Medien, die auf Bestätigung, Zustimmung und positive Resonanz ausgerichtet ist.

Nun ließe sich einwenden, dass die sozialen Medien durchaus Raum für Negativität bieten – und tatsächlich gibt es einen Gegentrend, der auf den ersten Blick das Gesagte zu widerlegen scheint. Examenskandidatinnen und -kandidaten etwa im Jurastudium filmen sich beim Weinen, beim Verzweifeln an der Stofffülle, beim Zusammenbruch unter dem Leistungsdruck. Die Motive dafür sind durchaus gemischt und verdienen eine differenzierte Betrachtung: Zum einen dient die Dokumentation des Leidens dem legitimen und berechtigten Anliegen, auf die Reformbedürftigkeit von Prüfungssystemen im deutschen Jurastudium hinzuweisen und die Bedeutung psychischer Gesundheit ins Bewusstsein zu rücken. Zum anderen aber – und hier wird es für die vorliegende Analyse aufschlussreich – fungiert die inszenierte Verzweiflung selbst als Element der Selbstvermarktung: Sie demonstriert Leidensfähigkeit, sie sagt Ich schaffe es trotzdem, sie verwandelt das Scheitern in eine heroische Überwindungsnarration. Die Negativität wird so in die Logik der Selbstoptimierung reintegriert – nicht als Irritation, die das Subjekt verändert, sondern als Bewährungsprobe, die seine Stärke bestätigt. Auch die Tränen werden zur Pose.

Die Negativität, die Adorno meint, ist von anderer Art. Ein Bildungsprozess, in dem das Subjekt scheitert, strauchelt, verwirrt ist – und dies nicht dokumentiert, nicht in eine Erfolgsgeschichte überführt, nicht zum Beweis der eigenen Resilienz umfunktioniert -, widerspricht der Grammatik des Feeds. Und gerade deshalb könnte er der Ort sein, an dem sich Bildung gegen ihre Halbierung behauptet.

Drittens wäre an die gesellschaftliche Dimension des Problems zu erinnern. Die Inszenierung von Bildung als individuelle Selbstoptimierung verdeckt, dass die Bedingungen für gelingende Bildung wesentlich gesellschaftlicher und nicht individueller Natur sind: Zugang zu Bildungsinstitutionen, materielle Absicherung, Zeit für das Studium, die Möglichkeit, Bildung als Selbstzweck und nicht als Investition in die eigene Marktfähigkeit zu betreiben.

Wenn Bildung als Humankapital verstanden wird, dann liegt die folgenreichste Konsequenz dieser Verschiebung nicht in der Ästhetisierung des Lernens, sondern in einer fundamentalen Umverteilung von Risiken: Wo Bildung als Investition gilt, trägt das Individuum das Investitionsrisiko selbst. Wer nicht lernt, wer nicht optimiert, wer sich dem Imperativ der permanenten Selbstverbesserung entzieht, kann sein etwaiges Scheitern nicht mehr den Verhältnissen zuschreiben – denn der Markt bietet ja allen dieselbe Chance. Dass diese Chancengleichheit in hohem Maße eine Fiktion ist, dass Bildungschancen weiterhin massiv von Herkunft, Klasse und kulturellem Kapital abhängen (vgl. Bourdieu/Passeron 1971), wird durch die Selbstvermarktungslogik der sozialen Medien systematisch verschleiert. Jeder StudyTok-Creator, der aus einem aufgeräumten Zimmer mit Designermöbeln über seine Lernroutine berichtet, sendet – unabhängig von seiner individuellen Intention – auch eine Botschaft über die materiellen Bedingungen, unter denen Bildungserfolg möglich und sichtbar wird. Die Infrastruktur der Pose – das ästhetisch eingerichtete Zimmer, die teuren Lehrbücher, die Zeit, die nicht durch Erwerbsarbeit gebunden ist – bleibt im Bild selbst unsichtbar; sichtbar ist nur die individuelle Disziplin. So wird gesellschaftliche Privilegierung als persönliche Leistung codiert, und die Betrachterinnen und Betrachter lernen nicht Bildung, sondern das Bild eines Bildungserfolgs, der von seinen eigenen Voraussetzungen abstrahiert. Ein wirklicher Widerstand gegen die Halbbildung im digitalen Zeitalter kann deshalb nicht allein auf der Ebene individueller Bildungshaltungen ansetzen – er erfordert die politische Auseinandersetzung mit den strukturellen Bedingungen, unter denen Bildung stattfindet oder verhindert wird.

Schluss: Eine Frage der Haltung

Es sei noch einmal betont: Dieser Beitrag ist kein Plädoyer gegen das Filmen beim Lernen, keine Verurteilung von StudyTok und kein Versuch, einer Generation ihre Ausdrucksformen abzusprechen. Es geht vielmehr darum, ein kulturelles Phänomen in seinen tieferen Zusammenhängen zu verstehen – und es auf eine philosophische Tradition zu beziehen, die über überraschend präzise Kategorien für seine Analyse verfügt.

Adornos Theorie der Halbbildung ist keine Theorie über individuelle Bildungsmängel. Sie ist eine Theorie über den gesellschaftlichen Zustand, in dem Bildung existiert – oder nicht existiert. Die Inszenierung des Lernens in sozialen Medien ist, so verstanden, weniger ein individuelles Versagen als ein Indikator für ein strukturelles Problem: die zunehmende Unmöglichkeit, Bildung als etwas anderes zu begreifen denn als verwertbare Ressource, als vorzeigbares Kapital, als Element eines marktförmigen Selbstentwurfs.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob man sich beim Lernen filmt oder nicht. Die entscheidende Frage ist, ob es innerhalb einer Gesellschaft, die alles – einschließlich der Bildung – dem Imperativ der Verwertbarkeit und Darstellbarkeit unterwirft, noch einen Raum gibt für jene riskante, ungesicherte, radikal zweckfreie Erfahrung, die Bildung einmal bedeutet hat. Ob es, mit anderen Worten, noch möglich ist, zu lernen, ohne sich dabei zuzuschauen oder einen ökonomischen Zweck zu verfolgen.

Addendum:

Es wäre unredlich, diesen Text zu Ende zu schreiben, ohne auf seine eigene Komplizenschaft hinzuweisen. Lustigerweise erscheint auch dieser Essay auf einer persönlichen Website, unter einem Namen, mit einem Foto – eingebettet in dieselbe Ökonomie der Sichtbarkeit, die er kritisiert. Wer Bildung als Pose analysiert, produziert damit selbst eine Pose: die des reflektierten Intellektuellen, der sich durch den Nachweis seiner kritischen Distanz profiliert. Adorno statt Textmarker, aber die Logik ist dieselbe. Dieser Widerspruch lässt sich nicht auflösen – er kann nur benannt werden, in der Hoffnung, dass die Benennung ihn nicht stillstellt, sondern verschärft.


Literaturverzeichnis

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Liessmann, Konrad Paul (2006): Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft. Wien: Zsolnay.


Dieser Blogbeitrag versteht sich als essayistische Intervention an der Schnittstelle von Kritischer Theorie, Bildungsphilosophie und digitaler Kultur. Er erhebt keinen Anspruch auf eine erschöpfende Behandlung des Themas, sondern möchte Denkanstöße für eine weiterführende Diskussion liefern. Die hier beschriebenen Phänomene sind dem alltäglichen Umgang mit sozialen Medien entnommen und erheben keinen Anspruch auf empirische Repräsentativität. Beachten Sie das Prooimion.